Simone

Dede-Ayivi: 

Es ist kompliziert

Rassismuskritisches Arbeiten mit oder gar in Kulturinstitutionen ist kompliziert. Sich das einzugestehen und offen auszusprechen, ist notwendig um Probleme wirklich angehen und Hürden aus dem Weg räumen zu können. Es ist aber auch mit einem gewissen Risiko verbunden: Es ist komplex und deshalb geht das nicht so schnell, ist eben auch eine beliebte Ausrede für all diejenigen, die in ihren Betrieben ohnehin nichts verändern wollen. Denen Inklusion,  Diskriminierungssensibilisierung und Rassismuskritik nicht wichtig ist, weil sie selbst nicht von Rassismus betroffen sind, sich nicht für die Belange von Menschen, die Rassismus erleben interessieren oder People of Color tatsächlich nicht als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft anerkennen und selbst rassistische Ressentiments haben. Es ist deshalb verständlich, dass in der Diskussion zunächst betont wird, wie einfach doch alles ist, dass erste Maßnahmen ganz schnell ergriffen sind und da nichts ist, vor dem man sich fürchten müsste, weil jeder kleine Schritt zählt. Das ist auch erst mal richtig so. Also fangen wir an!


Wie rassismuskritisch können wir eigentlich kuratieren? Ich frage mich das nicht nur als Künstlerin, die es selbstverständlich interessiert in welchem Rahmen ihre Arbeiten gezeigt und mit welcher Intention sie an Theater und zu Festivals eingeladen wird, sondern auch als Schwarze Aktivistin, mit engen Verbindungen zu vielen Menschen, die in den Bereichen, Kunst, Kultur und Bildung antirassistische Arbeit leisten und Diskriminierung abbauen wollen. Und ich sehe deren hohe Ansprüche an sich selbst und die Kolleg*innen und ich sehe die Überstunden, die Frustration und die Burnouts. Und für diese Menschen ist es wichtig zu sagen: Es ist kompliziert. Lasst uns aufhören so zu tun, als wäre es einfach und wir nur nicht engagiert genug.


Wer rassismuskritisch kuratieren will, muss Zeit und Energie in Weiterbildung investieren, auf dem Stand aktueller Diskurse sein, über die unterschiedlichen Formen von Rassismus, der ganz unterschiedliche Gruppen in Deutschland ausgesetzt sind, Bescheid wissen und künstlerische Traditionen und Strömungen verschiedener Communities kennen. Dann ist man schnell mit der eigenen Ignoranz konfrontiert: Trotz guter Absichten spielen unbewusste Rassismen bei der Auswahl von Stücken oder Künstler*innen eine Rolle. Es kostet sehr viel Selbstreflexion, daran zu arbeiten. Bei der Auswahl von künstlerischen Positionen, für beispielsweise ein Theaterfestival stoßen wir auf eine traditionell wenig diverse Theaterlandschaft mit nach wie vor fast ausschließlich weißen Gatekeeper*innen. Ja, wir sehen nun viel mehr Kunst von PoC als vor zehn oder zwanzig Jahren, aber der Anteil derer, die im Kulturbetrieb Anerkennung gefunden haben und deren Arbeit dadurch gut sichtbar und einfach zu finden ist, ist verhältnismäßig gering. Wenn die Ressourcen begrenzt sind, wie bei vielen Veranstaltungen mit Diversitätsanspruch ist die Recherche schwierig.


Mangelnde Ressourcen oder klarer: einfach viel zu wenig Kohle, fällt hier besonders auf. Die niedrigen Mittel werden dem hohen politischen Anspruch nicht gerecht. Antirassistische Veranstaltungen stehen unter besonderer Beobachtung. Durch die Gegner*innen einer interkulturellen Kulturlandschaft und von denjenigen, die nach jahrzehntelangem Kampf endlich gehört werden wollen und diese Veranstaltung als ihre Plattform begreifen. Je politischer die Kunst und die Zusammensetzung der Akteur*innen, desto härter wird diskutiert. Lade ich nur Akteur*innen aus einer bestimmten Bubble ein, wird mein Festival bestimmt harmonischer, aber weniger vielfältig. Und was zählt in der Auswahl eigentlich mehr? Repräsentation und antirassistischer Inhalt oder die sogenannte künstlerische Qualität? Gerade für PoC in Leitungspositionen ist es schwer sich von dem Anspruch zu verabschieden mit einer Veranstaltung ALLES zu schaffen, wenn man doch jetzt endlich am Drücker ist. Und wenn am Ende alles gut gelaufen ist, stellt man sich doch noch die Frage, ob man jetzt nur ein Marketinggag war, das Image der Stadt oder der Theaterszene aufpoliert hat und damit nur von notwendigen strukturellen Änderungen abgelenkt hat. Und überhaupt: Wie misst man eigentlich den Erfolg von antirassistischem Kuratieren?


Ich bin beeindruckt davon wie Kurator*innen, die einen antirassistischen Anspruch verfolgen, durch all die Widersprüche und Widerstände navigieren und es dabei schaffen für ihr Publikum ein inspirierendes Programm zusammenzustellen. Sie üben den Spagat, die Kunst weiterhin in den

Vordergrund zu stellen, glänzen und für sich sprechen zu lassen und dabei einen Rahmen zu schaffen, in dem sich Künstler*innen und Zuschauer*innen of Color wohl und sicher fühlen und vor Rassismuserfahrungen geschützt sind. Was am wenigsten gesehen wird, ist wohl der Beitrag, den sie weit über die Kunst hinaus gegen Diskriminierung, für gegenseitiges Verständnis und für eine diverse Stadtgesellschaft leisten.